Palace of Westminster mit dem Victoria Tower (C) Johannes Horak
Palace of Westminster mit dem Victoria Tower. Foto: Johannes Horak

Brexit und Wissenschaft (update 01.07.2016)

Gerade ist der Brexit beschlossen worden und schon ist das Chaos an den Börsen ausgebrochen. Berechtigterweise wird viel über die Auswirkungen auf die Zukunft der Union und die Wirtschaft gesprochen. Ein bisschen unter geht, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU natürlich auch auf andere Bereiche seinen Schatten wirft. Auf einen davon möchte ich kurz näher eingehen, denn auch für die Wissenschaft bzw. den internationalen Austausch wird dies Konsequenzen haben. In diesem Artikel präsentiere ich kurz ein paar Zahlen und Fakten zur Forschungsförderung in der EU sowie Studierenden und wissenschaftlichem EU27 Personal in Großbritannien.

UPDATE: Aufgrund des Umfangs des Themas wird dieser Artikel aktualisiert wenn sich neue Fakten ergeben oder ich Zeit habe weitere, bereits existierende, einzuarbeiten. Letztes Update am 01.07.2016.

Der Brexit und die Wissenschaft

Spielt dies wirklich eine Rolle?

Natürlich gab es wissenschaftlichen Austausch auch in Zeiten wo es die EU nicht gab, er findet ja auch mit nicht EU Ländern statt. Aber dasselbe Argument könnte man für den Handel führen. Auch vor der EU oder der EG gab es biliterale Abkommen, die diese Angelegenheiten regelten, und genau solche werden sich auf lange Sicht wieder durchsetzen. Diese müssen nun aber erst wieder etabliert werden, und wie diese aussehen, dass wird man erst nach Ablauf der Verhandlungen beurteilen können.

Somit ist es zumindest vorstellbar, dass es Unsicherheiten in der Zukunft von momentan laufenden Projekten welche Kooperationen von Instituten in der EU und in Großbritannien umfassen, speziell im Hinblick auf das von der EU von 2014-2020 mit insgesamt $120$ Milliarden Euro dotierte Forschungsförderungsbudget gibt. Der Großteil der Förderungen geht dabei an das Horizon 2020 Programm welches sich mit $74.8$ Milliarden Euro zu Buche schlägt.

Wissenschaft und Entwicklungsbudget der EU. Quelle: <a href="">UK research and the European Union: The role of the EU in funding UK research</a> unter <a href="creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0">CC BY-NC-SA</a>
Wissenschaft und Entwicklungsbudget der EU. Quelle: UK research and the European Union: The role of the EU in funding UK research unter CC BY-NC-SA. Achtung – englische Billion ist im deutschen die Milliarde!

Abgesehen von wissenschaftlichen Projekten und Förderungen sind aber natürlich auch Studierende betroffen – jene die Erasmus+ in Großbritannien absolvieren, jene die aus Großbritannien in andere Länder der EU gingen, oder auch alle jene die das noch vorhatten.

Ebenfalls betroffen ist das wissenschaftliche Personal sowie dessen Rekrutierung, auch dazu finden sich weiter unten ein paar Fakten.

Wissenschaftliche Förderungen

Eine sehr aufschlussreiche Statistik zur Förderung von wissenschaftlichen Projekten im vereinigten Königreich durch die EU gibt es von der Royal Society. Diese hat sich nämlich im Vorfeld des Brexit Referendums bereits mit der Verflechtung von GB und EU auseinandergesetzt und einen umfassenden Bericht dazu erstellt (The role of the EU in funding UK research). Der Großteil der im folgenden verwendeten Zahlen basiert, sofern nicht anders erwähnt, auf diesem Bericht.

Diese Förderungen werden über verschiedene Programme verteilt welche letztlich Forschenden zukommen. Darunter fallen Universitäten, Forschungsinfrastruktur, Forschungsinstitute, Unternehmen und wohltätige Organisationen. Im zuvor verlinkten Bericht findet sich dazu eine anschauliche Grafik welche den Geldfluss veranschaulicht:

Wissenschaftsförderung in der EU. Quelle: <a href="">UK research and the European Union: The role of the EU in funding UK research</a> unter <a href="creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0">CC BY-NC-SA</a>
Wissenschaftsförderung in der EU. Quelle: UK research and the European Union: The role of the EU in funding UK research unter CC BY-NC-SA

Großbritannien und das EU Forschungsbudget

Es stellt sich heraus, dass GB von 2007-2013 in etwa $77.7$ Milliarden Euro zum EU Budget beigetragen hat, davon gingen $5.4$ Mrd. in den Sektor Research & Development. Im selben Zeitraum erhielt GB von der EU $47.5$ Mrd. Euro an Förderungen zurück wovon jedoch ganze $8.8$ Mrd. Euro direkt wieder in Research & Development flossen! Großbritannien erhielt insgesamt also $3.4$ Mrd. Euro mehr Forschungsförderung als es selbst einzahlte. Damit liegt es in absoluten Zahlen in der EU an vierter Stelle, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt sogar an zweiter!

Großbritannien erhält mehr Forschungsförderung als es in den EU Topf einzahlt.

Finanzielle Transferzahlungen im R&D Sektor zwischen EU und GB im Zeitraum 2007-2013
Finanzielle Transferzahlungen im R&D Sektor zwischen EU und GB im Zeitraum 2007-2013

Die genaue Verteilung bzw. Ausschreibungen werden dabei von verschiedenen Organisationen wie z.B. dem European Research Council (ERC), den Marie Sklodowska-Curie Actions (MSCAs), dem Small and Medium sized Enterprises (SME) instrument und dem European Institute of Innovation and Technology (EIT) verwaltet.

Der ERC alleine kann dabei im Zeitraum von 2014-2020 Förderungen von $13$ Milliarden Euro vergeben. Bis zum September 2014 war knapp die Hälfte der aus so geförderten Projekten entstandenen Publikationen in den Top $10\;\%$ der meist zitierten Publikationen in der jeweiligen Disziplin im entsprechenden Veröffentlichungsjahr. $11\;\%$ schafften es sogar ins oberste Prozent!

Aber wieviel all dieser Forschungsförderung kommt nun tatsächlich bei den Universitäten an? Tatsächlich ein recht großer Brocken! Die Zusammensetzung des Budgets das britischen Universitäten zur Verfügung steht ist in der nächsten Grafik für das Jahr 2013/14 in £ gezeigt.

Zusammensetzung des Forschungsbudgets für Universitäten in Großbritannien im Jahr 2013/14
Zusammensetzung des Forschungsbudgets für Universitäten in Großbritannien im Jahr 2013/14

Insgesamt kamen $0.69$ Mrd. £ aus EU Mitteln was $9.7\;\%$ des zur Verfügung stehenden Budgets entspricht.

Erasmus+

Erasmus ist ein Mobilitätsförderungsprogramm der Europäischen Union für Studierende und wissenschaftliches Personal. Das Gesamtbudget von Erasmus+, ein Dachprogramm das noch zusätzlich andere Bereiche als den akademischen fördert, für den Zeitraum von 2014-2016 beträgt dabei $14.7$ Milliarden Euro.

Insgesamt gab es im vereinigten Königreich 2014/15 etwa $2\;265\;775$ Studierende. Davon waren $80.7\%$ Staatsbürger von GB und etwa $5.5\%$ Studenten aus den anderen EU Ländern. Die Zahlen die man so findet schwanken etwas, aber davon dürften etwa $27\;000$ in ihrer Mobilität durch Erasmus unterstützt worden sein.

Studierende in Großbritannien nach Herkunftsregion. Quelle: HESA Website, Non-UK domicile students, Table B
Studierende in Großbritannien nach Herkunftsregion. Quelle: HESA Website, Non-UK domicile students, Table B

Also immerhin $27\;000$ direkt durch ERASMUS betroffene Studierende, aber auch für die restlichen knapp $100\;000$ EU-Bürger wird die Situation wohl nicht einfacher.

In Großbritannien entscheiden sich im Vergleich zu anderen Ländern eher weniger Studierende für einen Auslandsaufenthalt, jedoch nehmen immer noch $14\;572$ Briten eine ERASMUS Förderung in Anspruch.

Akademisches Personal

Im Fall des wissenschaftlichen Personals sieht die Situation etwas drastischer aus. Insgesamt $16\;\%$ stammen aus einem der EU27 Staaten. Dies hat auch insofern Konsequenzen, als dass es an einigen Instituten in Großbritannien anscheinend Schwierigkeiten gibt Stellen mit entsprechend qualifizierten Briten zu besetzen. Eine Studie zum Anwerben und Halten von Personal im Hochschulsektor erwähnt, dass es in schweren Fällen an zwei Universitäten nicht anders möglich war, als einen guten Teil des Personal aus den USA und der EU zu rekrutieren.

I could not staff the department without foreign lecturers. Eight out of my last nine appointments have been non-UK lecturers

 

Wissenschaftliches Personal in Großbritannien nach Herkunftsregion. Quelle: HESA Website
Wissenschaftliches Personal in Großbritannien nach Herkunftsregion. Quelle: HESA Website

Auch hier kann man erwarten, dass die notwendige Bürokratie beim Anwerben und Rekrutieren zumindest nicht abnehmen wird. Da aber ohnehin auch bisher aus Nicht EU Ländern rekrutiert wurde, dürfte dies zumindest zu keinem größeren Problem werden.

ESA

Während die EU zwar mehr als jedes einzelne Mitgliedsland zum Budget der ESA beiträgt (23%) hat ein Brexit selbst eher geringe Auswirkungen da ohnehin auch einzelne Länder kooperieren. Was allerdings direkt von der Europäischen Komission bezahlt wird sind laut einer Aussage von ESA-Chef Jan Wörner das Satellitennavigationssystem Galileo und das Beobachtungsprogramm Copernicus. Hier kann es also durch einen Brexit zu finanziellen Einbußen kommen.

Diskussion

Es wäre noch etwas zu früh um herumzuorakeln, welche Konsequenzen der Brexit für die Wissenschaft in weiterer Folge wirklich haben wird. Konferenzen werden weiter stattfinden, Studierende und Personal werden vermutlich auch weiterhin die Möglichkeit haben zwischen EU27 und Großbritannien zu wechseln. Die Frage ist in welchem Ausmaß und mit welchem bürokratischen Aufwand dies verbunden sein wird. Je komplizierter Folgeabkommen diese Dinge machen, desto eher würde ich eine Reduktion dieses Austauschs, also Verschlechterungen, erwarten.

Kurzfristig ist wohl eher die Unklarheit über das künftige Verhältnis zwischen EU und GB ein wichtiger Faktor, und diese wird wahrscheinlich frühestens in zwei Jahren beendet sein. Sollte man in diesem Klima eine Kooperation für ein wissenschaftliches Projekt in Angriff nehmen welches eine längere Laufzeit hat? Mit welchen zusätzlichen Hürden muss man dann rechnen? Welche Auswirkungen sind auf das von 2014-2020 veranschlagte R&D Budget der EU zu erwarten und wie würde dies bei einem Austritt 2018 gegengerechnet?

In jedem Fall müssen Wissenschafter die Kooperationen mit Universitäten in Großbritannien laufen haben oder diese andenken, wohl mit mehr Arbeit in Form von Bürokratie rechnen. Und das ist Zeit, die nicht für Forschung oder Lehre verwendet werden kann. Nachdem der Austritt Großbritanniens also definitiv nicht zur Reduktion dieser Bürokratie beiträgt, ist in diesen Kooperationen insgesamt wohl ein Netto Verlust an wissenschaftlicher Arbeitszeit zu erwarten.

Langfristig fällt – sofern kein entsprechendes Assoziationsabkommen abgeschlossen wird – aus Sicht der EU jedenfalls ein Beitragszahler und Förderungsempfänger weg. Im schlimmsten Fall entspräche dies aus Sicht Großbritanniens einer schlagartigen Reduktion des den britischen Universitäten zur Verfügung stehenden Forschungsbudgets von knapp $10\;\%$ – gesetzt dem Fall, dass alle anderen Beiträge zu diesem gleichbleiben.

Das $120$ Mrd. € Forschungsbudget der EU für den Zeitraum 2014-2020 würde sich – gerechnet mit einem Brexit Ende 2018 – auf $118.5$ Mrd. € reduzieren – gerechnet mit einem jährlichen Beitrag Großbritanniens von $771$ Mio. €.

Ohne Großbritannien hätte das hypothetische 2014-2020 Budget etwa $114.6$ Mrd. € betragen – eine Reduktion um $4.5\;\%$. Die $4.5\;\%$ ergeben sich dabei aus der Annahme, dass der Beitrag von GB zum 2014-2020 Budget relativ gesehen gleich geblieben wäre verglichen mit jenem im Zeitraum 2007-2013.

Die britische Forschungslandschaft träfe es bezogen auf das BIP 3x so schwer wie jene in den EU27

Dem EU R&D Budget gingen also $771$ Mio. € jährlich verloren, dem großbritannischen R&D Budget jedoch, auf Basis der erhaltenen Fördermittel 2007-2013 jährlich $1.26$ Mrd. €. Gemessen an den Bruttoinlandsprodukten ($\text{BIP}_\text{EU27}=11.7$ Billionen €, $\text{BIP}_\text{GB}=2.6$ Billionen € auf Basis der Daten von 2015) entspricht dies einem R&D Budget Rückgang von $\approx 0.5$ Promille für GB und $\approx 0.06$ Promille für die EU27. Aus Grundlage dieser – natürlich relativ einfachen Rechnung die viele andere ökonomische Faktoren vernachlässigt – trifft es britische Forschende aufs BIP bezogen knapp 10x so schwer wie jene in den EU27. Selbst wenn man nur die $3.4$ Milliarden die GB mehr für R&D erhält als es einzahlt als Verlust für das britische Forschungsbudget rechnet, ergibt sich noch eine Reduktion von $\approx 0.19$ Promille bezogen auf das BIP Großbritanniens. Allerdings müssen die EU27 nicht den Beitrag Großbritanniens ausgleichen, da ohnehin mehr zurück in die britische Forschung floss als ins EU R&D Budget eingezahlt wurde.

Assoziationsabkommen mit der EU haben neben 10 anderen Ländern zum Beispiel Norwegen, die Schweiz und Israel. Die genaue Form variiert zwar von Land zu Land, gemeinsam ist ihnen jedoch, dass alle zum R&D Budget der EU beitragen aber keine Möglichkeit haben dieses mitzuverhandeln. Es ist anzunehmen, dass die Option eines Assoziationsabkommens dem vereinigten Königreich zumindest offenstehen wird. Letztlich wäre auch dies im Endeffekt jedoch ein Nachteil für GB da sich – im besten Fall – nichts an den finanziellen Rahmenbedingungen ändert, jedoch ein Großteil der Mitbestimmungsrechte verloren geht. Offen ist, ob die EU bereits ist einem Nichtmitglied weiterhin einen derart großen Betrag zu überweisen – hier herrscht Skeptizismus vor.

Abgesehen vom Brexitkonsequenzen Bericht der Royal Society hat auch Digital Science im Mai 2016 einen mit ähnlicher Schlagrichtung erstellt. Während Erster auf Schlussfolgerungen verzichtet formuliert Zweiterer in seinen Konklusionen:

Our success at gaining EU funding, not only through universities but also in business and in the not-for-profit sector, has left us with critical dependencies in key areas of the economy.

Durch den Erfolg beim Einwerben von EU Forschungsförderungen durch Universitäten, Unternehmen und den Non-profit Sektor sind kritische Abhängigkeiten in Schlüsselbereichen der britischen Ökonomie entstanden. Die Autoren erwarten auch außerhalb des Forschungssektors durch einen Wegfall der EU-Forschungsförderungen im Fall eines Brexits einige sehr reale Bedrohungen für den Wohlstand im vereinigten Königreich.

Über Kommentare und weitere Meinungen und Einschätzungen würde ich mich sehr freuen – ob per Mail oder als Kommentar.

Updates

Da zu erwarten ist, dass sich erst mit der Zeit ein klareres Bild ergibt und meine erste Sichtung von möglichen Konsequenzen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, werde ich hier hin und wieder updaten und aktualisieren. Diese Updates werden in diesem Abschnitt vermerkt.

29.06.2016 – Dank an derstandard.at User James Z. Kirk – er hat mich darauf hingewiesen, dass es neben Horizon2020 noch die ERC Grants gibt und zwei sehr aufschlussreiche Links hinzugefügt!

01.07.2016 – Einer Aussage von ESA-Chef Jan Wörner nach würden Galileo und Copernicus, beides ESA Programme die von der EU Komission finanziert werden, von einem Brexit betroffen sein.

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